Featured Review: Vipertech XM177E2

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Einleitung


Selten hat es um eine Waffe solche Kontroversen gegeben. Die Diskussionen wurden meist sachlich, aber oft auch sehr emotional geführt. Was war passiert?


Als Vipertech auf der IWA 2017 eine neue Serie von AR-15 GGBs zeigte, waren schon da die Meinungen sehr unterschiedlich. Vor einigen Jahren war Vipertech auf dem deutschen Markt gescheitert, weil die Waffen damals noch mit Inokatsu verglichen wurden, obwohl das nicht ganz fair war. Auch die sehr hohen Qualitätsanforderungen der deutschen Käufer spielten hier eine Rolle.

Nun kam eine völlig neu entwickelte Serie heraus, mit besseren Materialien und sogar Magazinen, die denen von Prowin in nichts nachstehen sollten. Das klang interessant. Und als die auf der IWA vorgestellten Prototypen auch noch die korrekten Markings hatten, waren alle begeistert! Stahl-Internals, 1a-Verarbeitung, richtig Power und auch noch originalgetreu - das war genau, was die GBB-Szene suchte!


Und dann kamen die ersten Serienwaffen auf den Markt. Und hatten Vipertech-Markings...


Die Enttäuschung derer, die eine nahezu originalgetreue Waffe erwartet hatten, war verständlich. Die Vehemenz, mit der die Waffen dann insgesamt schlechtgemacht wurden, aber nicht. Denn die anderen Vorteile waren weiterhin vorhanden: Stahl-Internals, 1a-Verarbeitung und richtig Power.

Nun kann man bei einem modernen AR-15-Klon sogar über Vipertech-Markings hinwegsehen, denn auch in der Realsteel-Welt gibt es eine Unzahl von Herstellern mit mehr oder weniger phantasievollen Logos. Aber ausgerechnet ein XM177, das überhaupt nur in den 60er Jahren gebaut wurde, mit Vipertech-Logo und Piktogrammen am Feuerwahlhebel?!? Das ging gar nicht! Oder doch?


Zum Hintergrund sei noch gesagt, daß es in Asien durchaus nicht unüblich ist, bestimmte Marken mehr in den Vordergrund zu stellen, als die Detailtreue. Statussymbole zu besitzen und dies auch ganz offensiv zu zeigen, ist da gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, es wird teilweise erwartet. So kam dann das Vipertech-Logo auf die Waffe. Und die Piktogramme verdanken wir wohl der Tatsache, daß Vipertech nur eine Art von Lower-Receiver baut. Und das ist halt die moderne Variante. Eine "Sonderserie" mit echten Markings würde sich für Vipertech nur lohnen, wenn es Abnehmer im vierstelligen Bereich gäbe. Und nach Europa kämen solche Waffen auch nur, wenn der Inhaber der Colt-Lizenzrechte - Cybergun - mitspielen würde. Danach sieht es momentan aber nicht aus.


Ich habe mich bewußt für ein Review der XM177 entschieden und dafür bei Sniper noch Überzeugungsarbeit leisten müssen. Schließlich gehöre ich selbst in die Fraktion der Sammler und Detail-Fetischisten und versuche bei meinen Reviews die Waffe möglichst realistisch aussehen zu lassen. Aber wenn man die Markings einfach als gegeben hinnimmt, was bleibt dann?


Also sehen wir uns die Waffe doch mal von einem Standpunkt aus an, bei dem es nicht auf die absolute Detailgenauigkeit, sondern die Waffe an sich ankommt.


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Details


Antriebsart: Gas

Energie: 2,2J

Kaliber: 6mm

Material: Metall / ABS

Magazinkapazität: 30

Länge: 757mm / 826mm

Gewicht 2430g


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Lieferumfang


Der Lieferumfang ist "übersichtlich". Im schlichten braunen Karton, auf den sich gerade mal ein Vipertech-Schriftzug verirrt hat, finden sich nur die Waffe und das Gasmagazin. Es gibt keine Anleitung oder sonstige Goodies, aber das ist auch bei anderen Marken, selbst in diesem Preissegment, so üblich. Immerhin ist schon ein Magazin dabei, denn auch das ist nicht selbstverständlich.



Erster Eindruck


Hier ist die Entwicklungslinie zum M4 hin schon klar erkennbar, die Waffe ist deutlich kompakter als das damals übliche M16A1. Durch den langen Flashhider und den in den Upper-Receiver integrierten Tragegriff ist es aber leicht als XM177 zu identifizieren. Sieht man einmal vom bereits angesprochenen Lower-Receiver ab, ist die Waffe sehr stimmig ausgebaut. Der Handschutz ist zeitgemäß speckig-glänzend und, typisch für "military grade", nicht 100% fugenlos, wodurch bei einem festem Griff etwas knarzt. Also alles originalgetreu!


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Auch der Pistolengriff entspricht in seinem Aussehen genau den frühen Varianten mit einem kleinen Vorsprung unten. Bei der Schulterstütze konnte man nicht viel falsch machen, es handelt sich um das auch beim M4 noch gebräuchliche Standardteil. Lediglich die Verstärkungsstreben an der Unterseite des "Hauptrohrs" verraten ein Teil der dritten Generation, die erst Mitte der 80er eingeführt wurde. Dafür wurde wiederum ein tropfenförmiger Forward-Assist verbaut, statt des moderneren runden! Die Bayonett-Montage am Frontsight treibt dem Sammler dann wieder die Schweißperlen auf die Stirn...


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Daß ein langes 30er-Magazin mitgegeben wurde ist auf den ersten Blick - für Sammler - unschön, aber nicht falsch. Auch in Vietnam wurden nach Möglichkeit die größeren Magazine eingesetzt. Für Spieler ist es ohnehin die bessere Wahl.


Die ganze Oberfläche der Metallteile wirkt wie beschichtet und ist es wohl auch. Irgendwelche Blasen oder andere typische Spuren von Lack ließen sich nicht finden.


Das :F: ist diesmal wirklich vorbildlich von unten in das Abzugsgehäuse graviert worden. Wirklich toll umgesetzt, nur hier leider vergebens...


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Technik


Das Zerlegen der Waffe gestaltet sich genau so unkompliziert wie bei anderen AR-15-GBBs auch. Die Testwaffe war innen leicht geölt, konnte aber durchaus noch etwas mehr Schmierung an stark belasteten Stellen vertragen.


Die hinterste Position des Bolts ist, wie schon hier besprochen, etwas weiter vorne. Der Wucht bei der Bewegung schadet das aber nicht!


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Für die Hop-Up-Einstellung muss man nur den vorderen Handschutz abnehmen, was wegen des straffen D-Rings nicht ganz einfach ist. Danach hat man aber ein großzügig gestaltetes Stellrad vor sich. Die Drehrichtung ist noch dazu in den Lauf graviert.


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Wie nicht anders zu erwarten, wimmelt es im Inneren der Waffe nur so von Stahlteilen. Im Grunde ist fast alles wie bei einer echten Waffe aufgebaut. Natürlich gibt es Abweichungen in der Mechanik, denn hier wird keine Patrone gezündet, sondern ein Ventil im Magazin geöffnet. Aber was bei der echten Waffe aus Aluminium ist, ist es hier auch. Was aus Stahl ist, ist es hier auch.


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Schußtest


Man kann es nicht oft genug wiederholen - bei neuen Airsofts muß man zuerst den Lauf reinigen! Auch hier kam wieder jede Menge Schmand heraus, der ganz einfach durch Staub und Öl während des Transports entstehen kann.


Außerordentlich positiv verlief das Befüllen des Magazins mit BBs - ein handelsüblicher Speedloader mit GBB-Aufsatz funktionierte perfekt und ohne hakeln. Wer einmal versucht hat, mit soetwas ein neues WE-Magazin zu befüllen, kennt das Problem. Die BBs spritzen in alle Richtungen und eher zerplatzt der Speedloader, als daß man damit 30 BBs ins Magazin bekommt. Nur der stangenförmige Speedloader von WE selbst macht diese Probleme nicht. Aber hier flutschen die BBS fast von selbst in den Schacht und springen auch nicht wieder heraus. Die Lippen am Feeder sind offenbar gerade eng genug, daß die BBs nicht wieder herausspringen, aber nicht so eng, daß sie beim Einfüllen zerbrechen.


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Vipertech hinten, ProWin vorne


Bei der Überprüfung der Visierung fällt auf, daß das Kimmenblatt sich gar nicht umklappen läßt. Es hätte aber auch wenig Wirkung, denn beide Öffnungen haben den gleichen Durchmesser. Pragmatismus gegen Realismus 1:0... Dafür läßt sich die Visierung aber ganz normal einstellen, was bei der Testwaffe allerdings nicht notwendig war. Die Treffer saßen direkt im Schwarzen.


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Treffer auf 7 Meter


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Treffer auf 10 Meter


Eine Streuung ist natürlich vorhanden, aber alle Treffer auf 7, bzw. 10 Meter lagen so dicht, daß man diese Waffe guten Gewissens als absolut spieltauglich bezeichnen kann.


Der Rückschlag ist hart und zackig, genau wie man es bei einer starken GBB auch erwarten würde. Ich bin mir allerdings sicher, daß es mit dem CO2-Magazin noch etwas härter und zackiger zugeht...


Das hatte ich aber nicht zum Test da, dafür mein gutes altes ProWin. Auch dieses läuft fehlerfrei mit der Viper und liefert ein minimal besseres Ergebnis bei der Schußstärke, was an der größeren Auslaßöffnung liegen dürfte. Trotzdem sind beide Magazine mit ~1,7 Joule auf einem sehr guten Niveau.


Vipertech:

117,1 m/s

114,2 m/s

115,1 m/s

113,8 m/s

112,4 m/s

=> 1,64J


Prowin:

115,2 m/s

118,3 m/s

116,2 m/s

117,5 m/s

116,4 m/s

=> 1,70J


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Tuning und Zubehör


Die absolute Königsklasse beim Tuning wäre natürlich ein korrekter Lower-Receiver. Allerdings wäre das auch beim Preis im obersten Segment angesiedelt, denn ohne neues :F: geht das leider nicht. Prinzipiell könnte ein solches Teil mal von Ra-Tech auf den Markt geworfen werden. Vielleicht passt sogar RS? Ich habe leider keinen da. ;)


Etwas realistischer ist da ein zeitgemäßes kurzes Magazin mit 20 Schuß. Ein solches gibt es sogar von ProWin, aber vielleicht springt auch Vipertech selbst mal auf diesen Zug auf. Deren Magazine sind ansonsten ja ganz hervorragend!


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Fazit


Ich zitiere hier mal meinen Teamkollegen ranjid, was er im Jahr 2011 zu Vipertech sagte:

Sammler--> INO

Spieler die trotzdem wert auf hohe Qualität legen--> Viper

Gut, Inokatsu ist praktisch vom Markt verschwunden und hat damit eine breite Lücke hinterlassen, aber das ist halt ein schwerer Fehler von Cybergun und blöd für Sammler. Die Aussage, daß Vipertech die bessere Spielerwaffe hat, bleibt aber richtig! Die Vipers sind eigentlich viel zu schade für die Vitrine. Die gehören auf's Spielfeld! Da stört dann auch das lange 30er-Magazin nicht mehr, sondern erweist sich als praktisch. Und ich sage es mal so - wenn der Gegner den Viper-Schriftzug lesen kann, macht man als Spieler etwas grundlegend falsch!


Natürlich ist es ärgerlich, daß Vipertech nicht auch noch die letzten Details korrekt nachgebildet hat. Oder wenigstens darauf verzichtet, falsche Details anzubringen. Aber das ändert nichts an den Qualitäten der Waffe an sich. Die Vipertech XM-177E2 könnte die perfekte Waffe für Spieler, Enthusiasten, Reenactors UND Sammler sein. Das ist sie ab Werk halt nicht. Nicht für die letzte Gruppe. Alle anderen schon.


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Geschichte


Die Entwicklung der kompakten AR-15-Varianten (CAR-15) begann praktisch zeitgleich mit dem Beginn des Vietnamkriegs. Sonderkommandos und Spezialeinheiten verlangten nach einer kürzeren Waffe, da das M16 in dichten Wäldern, aber auch engen Gebäuden zu unhandlich ist. Die geringere Schußleistung durch den kürzeren Lauf fiel hier nicht ins Gewicht. Der deutlich größere Muzzle-Flash und der lautere Schußknall dagegen schon. Deshalb entwarf man bei Colt einen verlängerten Flashhider, der zum einen den Feuerschein deutlich reduziert, aber auch den Knall etwas dämpft. Wegen letzterer Eigenschaft wird er von der amerikanischen ATF sogar als Schalldäpfer behandelt und entsprechend reglementiert.

Das hier gezeigte XM177E2 (Model 629) wurde von Colt ab Anfang 1967 an die US Army geliefert, bis die Produktion 1970 endete. Im Unterschied zum E1-Modell war der Lauf leicht verlängert worden und die Befestigung eines XM148 Granatwerfers war möglich.


Links


https://en.wikipedia.org/wiki/…KA:_CAR-15,_XM177_&_GAU-5)